19. November 2021

Luxus mit Herzblut

Titelbild Melike Yıldız - Luxus mit Herzblut

von Melike

Seit über 17 Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich in verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen (NGO) und staatlichen Projekten und Organisationen (GO). Ich habe dabei sehr unterschiedliche Erfahrungen gesammelt, aber auch sehr gemischte Gefühle gehabt.

Ich komme aus einem Land, in dem Hilfe von Mensch zu Mensch als Normalität angesehen wird, ohne dass es große Worte dafür braucht. Diese Hilfe ist dort auch notwendig, weil die institutionelle Hilfe kaum vorhanden oder sehr begrenzt ist. Die finanziellen Mittel fehlen. Also ist Engagement selbstverständlich bei uns: Selbsthilfegruppen und Kooperativen, gemeinnützige Initiativen.

Als ich nach Deutschland kam, war ich oft in Situationen, in denen ich nicht wusste, wohin und wie. Ich hatte kaum Zugang zu Informationen, die meine Situation verbessern könnten. Ich war oft hilflos, bis ich irgendwann, langsam und unter Anstrengungen, die Zugänge bekam. Diese Zustände wollte ich den anderen Menschen ersparen – oder wenigstens erleichtern.

Ich habe im Rahmen meiner Ehrenamts-Tätigkeiten übersetzt, Menschen bei Gängen zum Arzt und zu Behörden begleitet, Veranstaltungen zu HIV und STIs (sexuell übertragbare Infektionen) mitgestaltet, Informationen zu Menschenrechten, Anti-Gewalt-Arbeit, Stigma und Diskriminierung weitergeleitet etc. Ich habe auf dem Weg viele Menschen getroffen, die im Ehrenamt tätig sind. Darunter viele selbstlose, qualifizierte und engagierte Menschen, die ihre Zeit und Kraft anderen schenkten. Hier fangen aber auch meine gemischten Gefühle an, weil ich bemerkt habe, dass auch hier in Deutschland die institutionellen Strukturen versagen, weil sie oft nicht in die Lage sind, den Bedarf der Menschen zu decken oder einen Ausweg aus menschlicher Not zu ermöglichen. Wäre dies der Fall, wäre Ehrenamt gar nicht nötig.

In der jetzigen Situation sollen die Ehrenamtler_innen oft das erledigen oder das ergänzen, was Institutionen und ihre Angestellten in der Arbeit im Migrationsbereich nicht können oder gar wollen (zum Beispiel: Zugang zur Community finden, Sprache, reale Bedürfnisse der Zielgruppe erkennen). Diese Leistungen sollen aber ohne entsprechende finanzielle Entlohnung oder Wertschätzung erbracht werden.

Ehrenamt wird im Migrationsbereich angesehen als  «dienende» Arbeit. Oft ohne Rechte und Unterstützung, wie sie für die hauptamtlich Angestellten selbstverständlich sind, zum Beispiel das Recht auf Supervision, ein Diensttelefon, einen Ruheraum usw.

Ich beobachte das aus der Perspektive einer Frau mit Migrationshintergrund. In meiner Community gibt es viele Menschen, die in Armut leben oder kaum zurechtkommen mit niedrigen Löhnen. Trotzdem engagieren sich viele im Ehrenamt. Dabei fragen die Institutionen nicht, ob sich die ehrenamtlich Tätigen mit Migrationshintergrund überhaupt Fahrtkosten, Telefonkosten, Zugänge zu Medien leisten können. Ironischerweise sieht es so aus, dass wir gut genug sind, diese Arbeit zu machen, aber nicht gut genug, um dafür wertgeschätzt oder bezahlt zu werden.

Oft wurde ich ausgenutzt als «Vorzeige-Migrantin» in Sitzungen, wo es um Migrant_innen ging, aber kein_e Migrant_in hatte eine Entscheidungsposition oder war dort angestellt. Danach konnte gesagt werden: «Wir haben die Migrant_innen Community konsultiert.» Dabei war ich die einzige Migrantin im Gremium und nur Ehrenamtlerin.

Vielmals saß ich stundenlang am gleichen Tisch in Arbeitsgruppen mit dem Schwerpunk Migration, als Ehrenamtlerin, gemeinsam mit deutschen Angestellten, die für diese Sitzungen voll bezahlt wurden, wo ich dann oft gefragt wurde, warum Migrant_innen aus meiner Community sich selten ehrenamtlich engagieren. Oder es wurde gesagt, dass wir nicht Integrationswillig seien. Wie realitätsfremd ist das?

Besteht ein moralischer Zwang als Migrant, sich ehrenamtlich zu engagieren, um zu beweisen, dass man sich genug «integriert» hat? Ehrenamt soll kein moralischer Zwang sein, der aus gesellschaftlichem oder politischem Druck entsteht. Ist es nicht genug, dass in sehr vielen NGO und GO, die direkt oder indirekt mit Migration zu tun haben, eine große Mehrheit der bezahlten Angestellten nicht Menschen mit Migrationshintergrund sind, aber fast alle ehrenamtlich Tätigen einen Migrationshintergrund haben? Es sind sehr oft Migrant_innen mit akademischem Abschluss, aber mit Diplomen, die in Deutschland nicht anerkannt sind.

Der Vorwurf, dass wir Migrant_innen uns nicht genug engagieren, ist zynisch. Wen man sich um den eigenen Aufenthalt fürchten oder schlecht bezahlte Stellen ärgern muss, ist Ehrenamt ein Luxus. Existenzängste und auch institutioneller Rassismus sowie die harte Realität des Migrant_innen-Lebens ermuntern nicht zum Engagement. Jedoch engagieren wir uns trotzdem weiter, um andere zu unterstützen, ihnen Einsamkeit und Ängste zu entnehmen und den Alltag zu erleichtern. Aber auch für uns selbst, um die eigene, durch Rassismus und Diskriminierung zerstörte Würde wiederherzustellen oder zu bewahren. Als Menschen, nicht als unerwünschte Ausländer_innen, als die wir oft noch in der dritten Generation bezeichnet werden.

Hut ab für alle die, die als ehrenamtliche Sprachmittler_innen, Begleiter_innen, Betreuer_innen, Gesundheitspräventions-Botschafter_innen und viele weitere mit Migrationshintergrund, die trotz eigener prekärer Situationen ihr Leben auch anderen widmen!

Zur Person:
Melike ist Sprecherin von BeKaM – Berliner Kontakt- und Anlaufstelle für HIV-infizierte MigrantInnen und ihre Angehörigen. Sie leitet das Mobile Aufklärungstheater. Darüber hinaus ist sie in vielen anderen Initiativen ehrenamtlich aktiv.

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