Foto Credits: Juana Awad und Stefanie Rau
Die Werkstatt der Kulturen (WdK) verstand sich als „Ort der Präsentation und Repräsentation lokaler und globaler, traditioneller und zeitgenössischer kultureller Praktiken und Künste“[1]. Von 1993 bis 2019 war sie die einzige stadtgeförderte Einrichtung für migrantisierte Menschen und Minderheiten in Berlin. Als die Organisation Ende Dezember 2019 vom Berliner Senat geschlossen wurde, hinterließ sie Hunderte von Kisten mit Dokumenten, Flyern, Fotos, Videokassetten, Audio-CDs, Postkarten, Verträgen und weiteren Unterlagen: drei Jahrzehnte künstlerischer und kultureller Arbeit von Communities, die in der deutschen Kunst- und Kulturlandschaft historisch marginalisiert wurden.
Die Archivsammlung ist jedoch unvollständig. Zahlreiche Dokumente gingen im Zuge der Schließung verloren; weitere wurden durch Schimmel und Feuchtigkeit während der späteren Lagerung beschädigt oder vernichtet. Darüber hinaus fehlen viele audiovisuelle Materialien aus der künstlerischen Leitung von Philippa Ebéné: Mit dem Übergang von analog zu digital verlagerte sich auch die Archivierungspraxis, sodass von späteren Produktionen keine physischen Kopien mehr entstanden sind. Ein Teil dieses Materials ist über die archivierte Website der WdK zugänglich: werkstatt-der-kulturen-de.netlify.app. Videos, die Veranstaltungen im Haus dokumentieren, sind außerdem auf dem YouTube-Kanal der WdK zu finden: youtube.com/@wdkberlin
Der Vorstand der WdK bewahrte die Materialien zunächst privat auf, überzeugt davon, dass sich in den Nachlässen ein wichtiger Teil der Geschichte migrantischer und migrantisierter Künstler:innen befand. 2020 übernahm der Migrationsrat Berlin die Archivsammlung und lagerte sie in seinen Räumlichkeiten ein; da weder eine städtische (Kulturerbe-)Institution noch die Verwaltung selbst die Verantwortung dafür übernahm, obwohl die WdK aus einer Idee Berlins erster Ausländerbeauftragten in den 1980er Jahren hervorgegangen war[2]. Seither kümmern sich der Migrationsrat durch ehrenamtliche Stellen um die Erhaltung und Verbreitung des in diesen Kisten bewahrten Wissens aus einer ideellen, politischen und moralischen Verpflichtung heraus.
2022 begann Michael Annoff ehrenamtlich mit der ersten Sichtung der Materialien des Karnevals der Kulturen, des größten Festivals der WdK. 2023 übernahm Juana Awad die Initiative im Rahmen ihrer Forschung. 2024 bewegte Awad die komplette Archivsammlung in die Räumlichkeiten des Tieranatomischen Theaters als Teil eines einjährigen künstlerischen Forschungsfellowships am Käthe-Hamburger-Kolleg inherit. heritage in transformation an der Humboldt-Universität zu Berlin. Dort entwickelte sie Lehr- und Forschungsformate sowie öffentliche künstlerisch-wissenschaftliche Veranstaltungen, die sich an die Communities und ehemalige Mitstreiter:innen der WdK richteten; in diesem Rahmen wurden die Materialien gesichert und durch die Arbeit mit Studierenden grob erschlossen.
2026 erscheint die digitale Ausstellung Spuren der Archivsammlung Werkstatt der Kulturen, unterstützt vom Digitalen Netzwerk Sammlungen der Berlin University Alliance. Konzipiert von Awad mit Unterstützung von Habiba Insaf, Lena Moser und Anne Huber, präsentiert sie einen kleinen Ausschnitt des vorhandenen Materials, ohne den Anspruch zu erheben, das Wissen des Hauses in seiner Gesamtheit abzubilden. Die Digitalisate entstammen jeweils einer von zehn Kisten und vermitteln so die Bandbreite der Materialien und Materialitäten der Archivsammlung, ohne dabei die inhaltlichen Schwerpunkte einzelner Leitungspersonen, die Programmatik der Kuratorinnen oder zentrale Reihen mit wiederkehrenden Künstler:innen zu repräsentieren. Begleitet werden sie von Texten Studierender, die einige der Fragestellungen, die die Entstehung einer solchen Archivsammlung begleiten, sowie wichtige Momente einer migrantischen Erinnerungskultur sichtbar machen. Gemeinsam tragen die Digitalisate und Texte Materialien und Fragen in die Öffentlichkeit, um die Dringlichkeit ihrer Erhaltung zu verdeutlichen. Die Website markiert den Beginn eines längeren Prozesses zum Aufbau einer Wissensdatenbank über künstlerische und kuratorische Praktiken, die systematisch aus den Strukturen des deutschen Kulturerbes ausgeschlossen wurden, und soll die Aufmerksamkeit auf das Erbe der WdK lenken, nicht nur als Teil der Vergangenheit, sondern als Wegweiser für ein zukünftiges postmigrantisches, transkulturelles Erbe in Deutschland.
Der Migrationsrat Berlin dankt den Ehrenamtlichen und der Humboldt-Universität für ihre Unterstützung. Doch die Spuren eines transkulturellen Erbes, die in diesen Kisten bewahrt werden, können nicht dauerhaft vom Engagement Einzelner abhängen; sie erfordern die institutionelle Verantwortungsübernahme durch die Stadt Berlin.
Kontakt: wdk@migrationsrat.de
[1] Vgl. Werkstatt der Kulturen, „Selbstdarstellung und Leitbild“, Berlin, Juni 2015.
[2] Barbara John im Gespräch mit Juana Awad, 20. Okt. 2025.
