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Jugendförderung? In Berlin werden ihre Grundlagen gestrichen.

Internationaler Tag der Jugend – 12. August 2025 Jugendförderung? In Berlin werden ihre Grundlagen gestrichen. Der Internationale Tag der Jugend erinnert daran, wie wichtig es ist, jungen Menschen Gehör zu schenken, ihre Lebensrealitäten ernst zu nehmen und ihre gesellschaftliche Teilhabe zu stärken. In Berlin jedoch erleben wir derzeit eine Politik, die genau das Gegenteil bewirkt:…

Internationaler Tag der Jugend – 12. August 2025

Jugendförderung? In Berlin werden ihre Grundlagen gestrichen.

Der Internationale Tag der Jugend erinnert daran, wie wichtig es ist, jungen Menschen Gehör zu schenken, ihre Lebensrealitäten ernst zu nehmen und ihre gesellschaftliche Teilhabe zu stärken. In Berlin jedoch erleben wir derzeit eine Politik, die genau das Gegenteil bewirkt: Jugendprojekte werden gestrichen, außerschulische Bildung abgebaut, diskriminierungskritische Perspektiven ausgeblendet, und intersektionale Fachlichkeit gezielt aus dem System gedrängt.

Massive Kürzungen treffen Berliner Jugendprojekte

Seit Ende 2024 hat die Senatsverwaltung für Bildung unter Katharina Günther-Wünsch (CDU) über Monate hinweg massive Sparmaßnahmen beschlossen, die freie Träger, politische Bildungsarbeit, Schulsozialarbeit, queere Bildungsangebote und kulturelle Kinder- und Jugendprojekte besonders hart treffen  – darunter auch unsere eigene Kompetenzstelle für intersektionale Pädagogik (i-Päd).

Als Team von Schwarzen Menschen, People of Color und Menschen mit diasporischen Hintergründen außerhalb Europas haben wir über 15 Jahre diskriminierungskritische Fortbildungen für Fachkräfte in Schulen, Kitas, Fachschulen und Bildungsbehörden angeboten. Jährlich erreichten wir bis zu 2.000 Menschen mit Seminaren, Prozessbegleitungen, Konfliktmoderationen und Beratungsarbeit zu diskriminierungsrelevanten Themen. Tuğba Tanyılmaz, Projektleitung von i-Päd, betont dazu: “Unsere Arbeit wurde ohne Vorwarnung beendet – obwohl sie fester Bestandteil des bildungspolitischen Auftrags war und so vielen jungen Menschen zugutekam.“ 

Repressiver Umgang mit jugendlichen Realitäten 

Diese Kürzungen erfolgen in einem politischen Klima, das zunehmend repressiv mit bestimmten jugendlichen Realitäten umgeht. Insbesondere Schwarze und muslimisch gelesene Jugendliche, palästinensische Jugendliche und solche aus armutsbetroffenen Verhältnissen erleben in der Schule nicht Schutz, sondern Misstrauen. Ihre Identitäten, ihre Trauer, ihre Wut – insbesondere in Bezug auf Rassismuserfahrungen und globale politische Konflikte – werden nicht als Teil einer demokratischen Auseinandersetzung anerkannt, sondern als Störung wahrgenommen. Sie werden pathologisiert, kriminalisiert oder unter Generalverdacht gestellt. 

Neutralitätsgesetz und Bildungsrückschritte

Diese Entwicklung ist kein Einzelfall. Die politische Debatte rund um das Berliner Neutralitätsgesetz hat in den letzten Jahren gezeigt, wie tief diskriminierende Logiken in der Bildungspolitik verankert sind. Selbst nach der Änderung des Gesetzes bleibt es möglich, Lehrer*innen das Tragen religiöser Symbole zu verbieten, wenn die Schulbehörde eine „Gefährdung des Schulfriedens“ behauptet. “Damit öffnet das Gesetz weiterhin Tür und Tor für willkürliche und rassistische Entscheidungen – denn es fehlt an diskriminierungskritischer Kompetenz in den Berliner Bildungsverwaltungen“, so Ed Greve (Referent für Antidiskriminierung).

Neutralität wird hier als politisches Schweigen missverstanden und selektiv angewandt, wobei bestimmte religiöse und kulturelle Ausdrucksformen diskriminiert werden, während andere toleriert bleiben. Dies hindert nicht nur Lehrkräfte daran, ihre Identität authentisch zu leben, sondern auch Jugendliche daran, für Gerechtigkeit und Menschenrechte einzutreten. Wer diese Stimmen „neutralisiert“, nimmt ihnen das Recht, als handelnde und politisch denkende Menschen wahrgenommen zu werden.

Auch in der frühkindlichen Bildung erleben wir einen massiven bildungspolitischen Rückschritt: Der neue Entwurf des Berliner Bildungsprogramms (BBP) ignoriert vielfältige Familienrealitäten, die Bedeutung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt sowie den Schutz vor Diskriminierung. Vorurteilsbewusste Pädagogik, Inklusion und Partizipation – all das war lange Bestandteil des Berliner Bildungsansatzes und wird nun wieder an den Rand gedrängt. Anstatt die Errungenschaften und Fortschritte der letzten 15 Jahre zu sichern und zu verstetigen, dominiert ein defizitorientiertes, normierendes Verständnis von Bildung, das Kinder in Raster presst, anstatt sie in ihrer Vielfältigkeit zu begleiten und beim Ausleben selbiger zu unterstützen. Das betrifft insbesondere Kinder mit Behinderung, Kinder mit Fluchtgeschichte, mit nicht-deutscher Erstsprache, mit queeren oder nicht-akademischen Familien.

Ein Angriff auf Vielfalt und soziale Gerechtigkeit

Insgesamt ist klar: Die CDU-geführte Bildungspolitik in Berlin arbeitet sich nicht an „Verwaltungsoptimierung“ ab, sondern betreibt eine bewusste Zerschlagung der Strukturen, die für diskriminierungskritische, intersektionale und machtsensible Bildung stehen. Tuğba Tanyılmaz fasst zusammen: „Es ist eine Politik der Scheinheiligkeit. Öffentlich spricht man von Prävention und Demokratie, während genau jene Projekte gekürzt werden, die diese Begriffe tagtäglich mit Leben füllen“ 

In den Schulen spitzen sich die Widersprüche zu: Schulsozialarbeit wurde gekürzt. Angebote für queere, trans und inter* Jugendliche wurden reduziert. Träger aus der BIPoC-Community verlieren ihre Grundlagen. Jugendliche, die nicht ins Schema passen, gelten als „Problem“. Lehrer*innen, die sich positionieren, bekommen dienstrechtliche Schwierigkeiten. Eine freie, diskriminierungssensible und beteiligungsorientierte Bildung wird unmöglich gemacht.

Forderung nach einer zukunftsorientierten Bildungspolitik

Der Internationale Tag der Jugend darf unter diesen Bedingungen kein symbolisches Lippenbekenntnis bleiben. Es reicht nicht, „die Jugend“ zu feiern, während ihre politischen Ausdrucksformen, ihre Bildungsorte und ihre unterstützenden Strukturen stillschweigend abgebaut werden. Berlin braucht eine Bildungspolitik, die die Realitäten ihrer Kinder und Jugendlichen ernst nimmt: intersektional, diskriminierungskritisch, teilhabeorientiert und sozial gerecht.

Wer Jugend fördern will, muss ihre Stimmen hören. Wer Vielfalt will, muss sie strukturell sichern. Und wer Demokratie will, muss für sie einstehen – auch und gerade in der Bildungspolitik.

Was wir stattdessen erleben, ist ein bildungspolitischer Angriff auf soziale Gerechtigkeit, auf queeres und migrantisches Leben, auf Widerstandsfähigkeit, auf Widerspruch, auf Würde. Und wir sagen klar: Diese Politik spricht nicht für uns. Und sie spricht nicht für die Jugend dieser Stadt.

Kontakt für Rückfragen & Interviews:

Tuğba Tanyılmaz
tugba.tanyilmaz[at]migrationsrat.de