22. November 2021

Ehrenamt stärkt weiß-deutsche Institutionen

Portraitfoto von Tanja Gangarova

Von Tanja Gangarova

Ich arbeite seit vielen Jahren im Kontext der Gesundheitsförderung und -versorgung und habe mit Ehrenamt auf zwei Ebenen zu tun. Zum einen auf der Ebene der sogenannten «Zielgruppen» – meist strukturell benachteiligte und/oder rassifizierte Communitys, die von deutschen Nichtregierungs- (NGOs) und Regierungsorganisationen (GOs) ehrenamtlich in die Arbeit einbezogen werden. Zum anderen auf der Ebene der Parallelstrukturen der medizinischen Versorgung – wie zum Beispiel MediNetze – wo ehrenamtliche Leistungen von Ärzt_innen erbracht werden. Die MediNetze sind entstanden, um die medizinische Versorgung von Menschen aufzufangen, deren Recht auf Gesundheit in Deutschland verweigert wird. Sie vermitteln anonym und kostenlos medizinische Hilfe für Migrant_innen ohne geregelten Aufenthaltsstatus.

Mit diesen Formen des Ehrenamts konnte ich mich nie richtig anfreunden – auch wenn ich die Arbeit, die diese Menschen in ihrer Freizeit, an Wochenenden oder Urlaubstagen oder jeden Tag neben ihrer regulären Lohnarbeit freiwillig leisten, großartig finde. Wieso?

Geflüchtete und nicht-geflüchtete Migrant_innen-Gruppen, mit denen ich arbeite, sind häufig in mehrfacher Hinsicht strukturell benachteiligt und haben, wenn überhaupt, nur einen eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt. Informelle Arbeitsverhältnisse führen zu Lohnprellerei, fehlendem Arbeitsschutz und anderen Formen der Ausbeutung, gegen die sie sich kaum wehren können. Viele Personen leben an der Armutsgrenze. Diese Lebensrealitäten werden selten in der Praxis berücksichtigt, weil sie offiziell nicht «vorkommen». Sie werden gern in die Präventionsarbeit auf ehrenamtlicher Basis einbezogen, aber ungern werden Aufwandsentschädigungen (Fahrt-, Sach- und Verpflegungskosten sowie Kinderbetreuung) für diese Form der ehrenamtlichen Arbeit angeboten. Es wird vorausgesetzt, dass Ehrenamtler_innen zum Beispiel für Fahrtkosten selbst aufkommen oder das Geld vorstrecken. Ob sie dafür die Mittel haben, wird nicht gefragt. Ebenso selten werden Honorare für die Erfüllung bestimmter Tätigkeiten (z.B. Aufklärungsveranstaltungen in den Communitys, Seminare etc.) ausgezahlt.

Die Zahlung von Aufwandsentschädigungen und Honoraren signalisiert nicht nur Wertschätzung, sie ist in vielen dieser Fälle eine schlichte Notwendigkeit, ohne die ein Engagement nicht möglich wäre. Zudem signalisiert das Zahlen einer Aufwandsentschädigung oder eines Honorars aber auch noch etwas anderes: Diese Arbeit gehört nicht zum Regel-Angebot. Sie findet ausnahmsweise oder vorübergehend statt. Im Hauptamt muss weder das Curriculum noch die Personalstruktur verändert werden. Das ist ein massives Problem. Denn die deutsche Gesellschaft besteht nicht – und zu einem sehr großen Teil nicht – aus weißen Mittelschichtsangehörigen, die christlich sozialisiert sind und über einen Hochschulabschluss verfügen. Zwischen dem, wie die Institutionen aufgestellt sind, und dem, wie die «Zielgruppen» aussehen, klaffen mehrere große Lücken. Ein kleines Honorar hier, ein kompensierendes Ehrenamt dort – das nutzt auch dazu zu zeigen, dass die Strukturen irgendwie schon in Ordnung sind, so wie sie sind.

NGOs wie auch GOs profitieren im Feld des ehrenamtlichen Engagements von (hoch-) prekären Lebenslagen von Migrant_innen. Sie bekommen dadurch Zugänge zu Communitys, die im Vokabular der Mainstream-Gesundheitsforschung und -praxis «hard to reach» (schwer zu erreichen) genannt werden. Sie gehen ihrer «Zivilisierungsmission» nach, die sie nur in den seltensten Fällen reflektieren, während, sie ihr gesundheitsrelevantes Angebot und die entsprechenden Medien optimieren.

Auf diese Weise sichern sie sich staatliche und nicht-staatliche Gelder sowie die Stellen ihrer meist weiß-deutsch-christlichen Mitarbeitenden. Die Lage der Ehrenamtlichen und der Selbstorganisationen ihrer Communitys wird dadurch zementiert. So wird Ehrenamt zum Instrument der Stärkung weiß-deutscher Strukturen. «Schwierige Fälle» werden nach wie vor an selbstorganisierte migrantischen Beratungsstrukturen weitergeleitet, die entweder keine Finanzierung für ihre Arbeit erhalten oder chronisch unterfinanziert sind.

Auf der anderen Seite arbeite ich oft mit Parallelstrukturen der medizinischen Versorgung für Menschen ohne Papiere und/oder Krankenversicherung – wie zum Beispiel MediNetze –, die von ehrenamtlichen tätigen Ärzt_innen und anderem Gesundheitspersonal getragen werden. Diese parallel – und unentgeltlich – angebotenen Leistungen wären nicht notwendig, wenn in der Bundesrepublik die medizinische Versorgung für alle Menschen zugänglich wäre. Dabei hat Deutschland eine Vielzahl internationaler Abkommen unterzeichnet, mit denen die Sicherstellung des Rechts auf Gesundheit und des Zugangs zum Gesundheitssystem für alle Menschen – unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus – anerkannt wird, u.a. den Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, den sogenannten UN-Sozialpakt.

Dass ein zentrales Gut wie die Gesundheit in Parallelstrukturen abgeschoben und dort von ehrenamtlich Tätigen getragen sind, kann keine Lösung sein! Gerade in diesem Bereich müssen die gesellschaftlichen, juristischen und die sonstigen strukturellen Rahmenbedingungen geändert werden, die Ehrenamt in diesem Bereich überhaupt erst notwendig machen

Zur Person:
Tanja Gangarova ist seit 15 Jahren im Kontext der Gesundheitsförderung sowie HIV-Prävention für und mit Migrant_innen tätig und hat für verschiedene staatliche und nichtstaatliche Organisationen gearbeitet. Sie engagiert sich zudem in vielen nationalen und internationalen Gremien, die sich für einen universellen Zugang zur medizinischen Versorgung einsetzen.

Skip to content