17. Dezember 2021

Bürgerschaftliches Engagement – auch außerhalb von Vereinen

von Tayo Awosusi-Onutor

Mit dem Begriff und der Bedeutung von Ehrenamt verbinden wir in der Regel freiwillige, unbezahlte Arbeit, Hilfe, Unterstützung und Engagement in ganz verschiedenen Bereichen. Ob in der Hausaufgabenhilfe für Schüler:innen, im Sportverein oder in einer Gemeinde. Ehrenamtliche Tätigkeiten werden tagtäglich von vielen Menschen durchgeführt – und das ist etwas Wunderbares. Meist geschieht dies, wie es sich dem Ehrenamt gebührt, fernab vom Rampenlicht. Die Dankbarkeit und Wertschätzung für das Engagement ist natürlich vorhanden und wird bei Vereinssitzungen, Mitgliedertreffen oder manchmal auch bei Preisverleihungen zu bürgerschaftlichemEngagement ausgezeichnet.

Circa 30 Millionen Bürger:innen liegt bürgerschaftliches Engagement so sehr am Herzen, dass sie sich aktiv in unterschiedlichen Bereichen engagieren.

Wie in so vielen gesellschaftlichen Bereichen wird hier vor allem die Perspektive, die Lebensrealität und das Wirken von weißen Menschen aus der Dominanzgesellschaft gezeigt. Es geht dann beispielsweise um eine weiße Person, die die Hausaufgabenhilfe ehrenamtlich für Schüler:innen durchführt. Es geht um eine Person ohne Rassismuserfahrung, die im Sportverein Kinder und Jugendliche trainiert. Es geht um eine Gemeinde, in der eine Person der sogenannten Mehrheitsgesellschaft Dienst leistet.

All diese Menschen leisten wunderbare Arbeit, von der unsere Gesellschaft ungemein profitiert. Sie zu erwähnen ist richtig und wichtig.

Wichtig ist aber auch, Menschen mit Rassismuserfahrung, nicht-weiße Menschen, zu erwähnen, die in ebendiesen Bereichen ehrenamtliches Engagement umsetzen und spezifische Fähigkeiten mitbringen, die in sehr vielen Bereichen gebraucht werden. Muttersprachliche Mehrsprachigkeit, Vorbildfunktionen, Social Skills, diverses kulturelles Know-How oder die Sensibilität, mit sozial herausfordernden Situationen umzugehen, wären einige an dieser Stelle zu nennende.

Menschen mit Rassismuserfahrungen, also Schwarze Menschen und Menschen of Color, sind in unserer Gesellschaft generell zu wenig sichtbar. Ob dies nun in der Öffentlichkeit, in Medien (TV, Film, Werbung), auf institutioneller Ebene oder in bestimmten Leitungspositionen ist.

Gleichzeitig ist diese Sichtbarmachung aber ungemein wichtig, gerade wenn es um gesellschaftliche Themen geht, denn hier wird sichtbar, wer Teil unserer Gesellschaft ist – und für wen Teilhabe gilt.

Diese Sichtbarmachung ist für uns als Gesellschaft wichtig, denn dies signalisiert Menschen mit Rassismuserfahrung, Schwarzen Menschen, Menschen of Color, Kindern mit mehrsprachlicher Expertise: Ich gehöre dazu. Ich bin Teil dieser Gesellschaft. Und noch mehr: Mein gesellschaftlicher Beitrag kann ebenso wichtig und richtig sein.

Durch mein eigenes ehrenamtliches Engagement habe ich genau diese Erfahrungen machen können. In der Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe für Romani Kinder, für Kinder, die Rom:nja oder Sinti:zzi sind, konnte ich durch meine muttersprachliche Fähigkeit der Sprache Romanes sehr leicht wertvolle Bezüge zu den Kindern aufbauen, die für das Lernen sehr wichtig und hilfreich waren. Hier geht und ging es nicht vordergründig um die Fähigkeit zu übersetzten, die Schüler:innen waren wie viele Romani Kinder bi-oder trilingual, sondern es ging vielmehr um die zusätzliche sprachliche Fähigkeit, die dabei half, soziale Verbindungen aufzubauen und zu stärken.

Durch mein langjähriges Engagement in Romani Selbstorganisationen, Vereinen und Gruppen ist mir aufgefallen, dass in den genannten Organisationen viel ehrenamtliches Engagement unsichtbar geschieht.

Vielen Menschen mit Rassismuserfahrungen werden Zugänge zu bestimmten Bereichen erschwert. Dies kann der Amtsgang für eine Person, die sich mit dem transgenerationalen Trauma des nationalsozialistischen Genozids auseinandersetzen muss, bedeuten.

Oder aber die Suche nach Unterstützung und Beratung für ein Kind, das in der Schule rassistisch diskriminiert wurde. In solchen sehr häufig vorkommenden Fällen wird dann über vorhandene Netzwerke in der jeweiligen Community Hilfe und Beratung gesucht.

Dies bedeutet oftmals eine Fachberatung, die Suche in Netzwerken und lange Telefonate bis in den späten Abend.

Da solche Situationen sehr häufig vorkommen, aber gleichzeitig gesamtgesellschaftlich sehr wenig thematisiert werden, ist das notwendige Engagement und die ehrenamtliche Arbeit in diesem Bereich sehr hoch.

Ein weiterer Bereich, über den ich berichten kann, ist die Hilfe und Beratung von und für Eltern beHinderter Kinder. Als Mutter eines beHinderten Kindes habe ich, wie zahlreiche Elternteile, mit denen ich im regelmäßigen Austausch bin, die Erfahrung gemacht, dass viele wertvolle und hilfreiche Informationen unter einander ausgetauscht werden.

Viele Themen rund um Pflegegrad, Leistungen, Beantragung diverser Hilfsmittel, Kita, Schule, Arbeit und viele weitere sind sehr komplex. Viele Elternteile eignen sich dabei im Laufe der Jahre eine Expertise an und fungieren dann selbst als Berater:innen für andere Familien.

Viele äußerst wichtige und hilfreiche Informationen habe ich im Laufe der Jahre nicht von offiziellen Stellen, vonKrankenkassen oder Ärzt:innen, sondern von anderen Elternteilen erfahren.

So wurde ich teilweise selbst für bestimmte Themen, mit denen ich mich besonders auseinandersetzten musste, zur Ansprechperson für andere Familien. Dies ging so weit, dass ich bereits von Therapeut:innen angesprochen wurde, ob ich beispielsweise einer Familie of Color, die englischsprachig ist, bei bestimmten Beantragungen helfen könnte.

Auch hier fiel mir wieder auf, wie die Lebensrealität von Menschen of Color auch im Bereich Behinderung allgemein nicht gesehen wird und die Personen und Familien sich dann durch eigene, vorhandene Netzwerke Hilfe und Unterstützung suchen. Dies geschieht dann als bürgerschaftliches Engagement außerhalb eines Vereins, einer Gruppe oder Institution – und daher oft ungesehen und nicht wertgeschätzt.

Auch in diesem Bereich wird die Wirkung von rassimuserfahrenen Personen generell nicht thematisiert und berücksichtigt. Viele Kinder und erwachsene Personen of Color erleben Rassismus und Ableimus gleichzeitig. Ableismus ist ein am englischen «Ableism» angelehnter Begriff, der aus der US-amerikanischen Behindertenbewegung stammt. Er beschreibt die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, indem Menschen an bestimmten Fähigkeiten – Laufen, Sehen, sozial Interagieren – gemessen und auf ihre Beeinträchtigung reduziert werden. Die Hilfe, Unterstützung und Beratung, die sie speziell in diesem Zusammenhang benötigen, wird oft durch ehrenamtliches Engagement aufgefangen. Hier spielen oftmals informelle Gruppen, teilweise auch Online-Foren, eine große Rolle. Dort findet Austausch, Hilfe und Beratung statt.

Wünschens- und erstrebenswert wäre gesamtgesellschaftlich eine Anerkennung der Lebensrealitäten von Menschen mit Rassismuserfahrungen als Teil unserer Gesellschaft wie auch als ehrenamtliche Engagierte und Engagierende.

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