24. November 2021

Ich habe es ehrenamtlich gemacht, weil ich unabhängig sein wollte

Titelbild Zusammen haben wir eine Chance

Liebe Nadiye, du hast gemeinsam mit einem kleinen Kreis von anderen Frauen of Color einen Dokumentarfilm erstellt, der sich migrantischen und antirassistischen sozialen Bewegungen seit dem Mauerfall bis heute widmet. Wie war der Arbeitsprozess und wie lang hat die Arbeit an «Zusammen haben wir eine Chance» gedauert?

Wir hatten mit der Dokumentarfilmidee die Absicht, antirassistische soziale Bewegungen von Rassismusbetroffenen festzuhalten, da diese Kämpfe nicht Teil der weiß-deutsch zentrierten Narrative zur Protestgeschichte in Deutschland sind. Wir sind keine professionellen Filmemacherinnen und hatten auch keine Ausstattung – geschweige denn einen Schnittplatz für die Postproduktion. Wir sind aber der Meinung, dass Film als populäres Medium für Empowerment und für das Erreichen vieler Schwarzer und migrantischer Aktiver und Aktiver of Color am geeignetsten ist. Wir wollten nicht erst darauf warten, erst einmal alles kaufen zu können, sondern haben einfach ohne Geld und komplettes Equipment losgefilmt. Da der Film – und vor allem die Menschen, die darin vorkommen – uns so am Herzen liegen und wir solch einen Respekt vor ihren Kämpfen haben, wollten wir nicht über irgendwelche Fördergelder eingeschränkt werden. Das war ein weiterer Grund, um nicht erst auf Geld zu warten. Wir haben alle also ehrenamtlich gearbeitet. Das hat uns zwar unabhängig gelassen, aber auch viel Zeit und Mühe in der Filmproduktion gekostet. Die Dreharbeiten haben 2014 begonnen und bis November 2018 gedauert. Da war die Premiere im Kino Moviemento.

Auf dem Weg bis zu Finalisierung des Films haben uns einige Dutzend Menschen begleitet. Andere solidarische Menschen haben kleine Soli-Partys und Flohmarktstände für uns organisiert. Somit konnten wir uns peu à peu, während der laufenden Filmarbeiten, das Equipment zulegen und hier und da kleine Förderanträge stellen. Dieser Film ist also im wahrsten Sinn des Wortes eine Community-Arbeit, die Dutzende Ehrenamtliche, die an den Film und uns geglaubt haben, mobilisiert hat. Sie werden übrigens alle in unserem Abspann genannt. Wir fanden, dass besonders die viele politische Arbeit von migrantischen und nicht-migrantischen Schwarzen Menschen und Menschen of Color immer unsichtbar gemacht wird. Dem wollten und wollen wir mit unserer Arbeit entgegenwirken.

Archiv-Material ist euch nicht nur bei diesem ersten Film sehr wichtig…

Ja, aber auch dafür konnten wir kein Geld bezahlen. Die Protagonist*innen machen ihren Aktivismus ja auch nicht erst seit gestern. Viele, viele Menschen sind seit Jahren und Jahrzehnten engagiert – und dann kommen wir und wollen, dass sie sich mit uns auf einen zusätzlichen jahrelangen Prozess einlassen. Gerade das produzierte Wissen und die ausgewerteten Erfahrungen, die sich auf Plakaten, in selbstgedrehten Videos oder in Broschüren finden, sind oft nicht zugänglich. Gleichzeitig war es mir wichtig, dass wir trotz Ehrenamt verbindlich und transparent mit dem Fortgang der Filmarbeiten umgehen, denn sowohl die Protagonist*innen also auch wir haben es schon oft erlebt, dass unser Engagement ausgebeutet wurde, u.a. auch von Filmemacher*innen. Wir wurden gefilmt, interviewt etc. – und danach haben wir diese Menschen nie wiedergesehen. Wir haben auch nicht erfahren, was aus unseren Geschichten gemacht wurde… Es braucht wirklich viel Sensibilität und eine gute Abwägung, wie man mit diesen ganzen materiellen und politischen Widersprüchen umgehen will…

Eine Sache ist natürlich auch, dass es kaum systematisiertes Archivmaterial gibt. Denn besonders die Bewegungen von Rassismusbetroffenen wurden und werden oft kriminalisiert und gleichzeitig machen Repression und prekäre Lebensverhältnisse den Alltag schwer, sodass es oft der Fall war, dass kaum noch Kapazitäten zum Archivieren der Aktionen blieb. Dies arbeiten wir mit unseren Filmen auch auf.

«Dutzende Ehrenamtliche mobilisiert» klingt nicht nur begeistert?

Na, andere Leute kriegen Recherche-Stipendien, Filmförderungen, Sponsoring, Auftragsarbeiten etc., sie können die Technik bezahlen und drehen viel weniger Schleifen, weil vieles auf Anhieb richtig funktioniert. Den Do-It-Yourself-Charakter unseres Films sieht man ihm an einigen Stellen an. Aber damit ist er gleichzeitig auch zu einem Teil dessen geworden, was wir im Film dokumentieren wollten: ein Teil der antirassistischen Bewegungsgeschichte – wenn sich sonst kaum jemand den Perspektiven von rassismuserfahrenen Menschen widmet und sie sprechen lässt, dann müssen wir es eben selbst tun. Aber wir müssen es neben der Lohnarbeit, an den Wochenenden und an unseren Urlaubstagen tun. Und da niemand allein einen Film machen kann – einen solchen Anspruch haben wir auch nie gehabt –, bedeutet das eine Menge Koordinationsaufwand, viel technisches Heckmeck, Nerven und vor allem eine lange Zeit…

Was unterscheidet eure Do-It-Yourself-Arbeit konkret von anderen Produktionen? Wäre es mit einem «professionellen» Team zu einem anderen Film geworden?

Die Protagonist*innen waren viel freier im Sprechen – in dem Sinn, dass sie uns alle kannten, weil wir gemeinsam politische Arbeit leisten und somit bereits ein vertrautes Verhältnis da war. Das merkt man an den Interviews im Film. Das Filmteam ist freier: in dem Sinn, dass es keine Vorgaben von Förderern gab und wir eine wirklich herzliche offene Beziehung zu unseren Protagonist*innen hatten. Aber man muss dann eben auch in Kauf nehmen, dass die Produktionsbedingungen widriger sind. Es ist nicht so, dass wir uns die antirassistische Revolution vom Staat oder sonst wem finanzieren lassen wollen, aber andererseits gibt es ja Programme, die für solche Filmproduktionen, für Festivals, für Reklamematerial usw. aufgelegt werden. Es kommen nur kaum Menschen of Color da rein – ganz zu schweigen von Frauen of Color oder Schwarzen Frauen oder queeren Menschen. Und wenn es dann klappt, dann scheitern solche Förderungen eben an den inhaltich-konzeptionellen Vorgaben, denn ich muss auch immer wieder feststellen, dass antirassistische Analysen und Erzählungen aus der Perspektive der Betroffenen nur in einem bestimmten Rahmen akzeptabel sind. Es geht also auch um Deutungshoheiten. Was ist Rassismus ist? Es ist leider gar nicht so weit her mit der sagenumwobenen Öffnung solcher Institutionen und Strukturen…

Du hattest gesagt, dass euer Film Teil der Bewegungsgeschichte ist. Kannst du dir ein «sinnvolles» Verhältnis vorstellen, wie sich die filmische Arbeit im Spannungsverhältnis von staatlicher oder privater Förderung und Aktivismus gut ergänzen können? Wie kann ein sinnvolles Verhältnis von Kunst/Aktivismus aussehen?

Unser Film hätte ohne den Aktivismus, den er dokumentiert, natürlich keinen Sinn. Und zugleich hoffen wir, dass der Film aktuellen und zukünftigen Aktivismus unterstützen kann, indem einige Meilensteine festgehalten werden, sodass nicht jede Generation bei null anfangen muss oder meint, eine Avantgarde zu sein. Da marginalisierte Stimmen entweder gar nicht oder nur ganz flüchtig im Mainstream vorkommen, wurden viele Menschen, Debatten, Ereignisse und Ergebnisse schlicht schnell vergessen, auch innerhalb unserer Communitys und Bewegungen. Dem wollen wir aktiv etwas entgegensetzen, indem wir Menschen verschiedener Generationen und Communitys zu Wort kommen lassen, aber auch, indem wir die Bewegungsgeschichte anhand historischer Foto- und Video-Aufnahmen mit aufnehmen. Und so zum Beispiel auch der gesellschaftlichen Spaltung, die auch unter rassismusbetroffenen Communitys geschürt wird, entgegenzuwirken. Aber vor allem eben Schwarze Menschen, Menschen of Color und generell Migrant*innen zu empowern und zu zeigen, dass Betroffene politische Subjektes sind und sich schon immer organisiert und gewehrt haben.

Eine sinnvolle Förderung wäre natürlich eine, die die Filmarbeit wenigstens für ein paar Jahre absichert und inhaltlich-konzeptionelle Autonomie fördert. Unsere Filme erzählen Geschichten von mutigen, von unbeugsamen Menschen, die trotz all der schmerzhaften Traumata, die Rassismus in ihren Biografien verursacht, für ihre (Existenz-) Rechte kämpfen. Ich würde mir wünschen, dass Geldgeber diesen Mut und diese Arbeit mehr würdigen würden. Gäbe es diese Menschen nicht, gäbe es auch keine Menschen, die es wagen, in die rassistischen Abgründe unserer Gesellschaft zu blicken und sie unermüdlich aufzudecken. Aber da wir grade weit weg davon sind – die rassistischen Massaker zuletzt in Halle und Hanau sind ein Zeugnis davon –, werden wir wohl weiterhin auf ehrenamtliches Engagement und Spenden und Stifer*innen angewiesen sein.

Darüber hinaus möchte ich aber noch erwähnen, dass unser Film, mit all seiner Rassismuskritikritik, bisher super gut angekommen ist. Unsere Filmscreenings haben sich zu Orten des communityübergreifenden Austauschs und Vernetzens weiterentwickelt. Oft haben sich daraus auch neue selbstorganisierte Strukturen entwickelt, die Teil von emanzipatorischen sozialen Bewegungen wurden. Die Screenings sind auch intersektionale Räume, in denen besonders marginalisiere Perspektiven solidarisch Raum finden. Der Film wird – gerne gegen eine Gebühr und Honorare – auch online und in Communityräumen, Nachbarschaftsinitiativen, Stiftungen, Film- und antirassistischen Festivals, an Unis, in Kunsthochschulen und bei Tagungen in Deutschland und darüber hinaus gezeigt… Und wir tüfteln bereits an weiteren Filmideen!

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person:
Nadiye Ünsal ist hauptamtlich im Antidiskriminierungsbereich tätig und seit mehreren Jahren politisch selbstorganisiert. Gemeinsam mit Tijana Vukmirović und Zerrin Güneş vom Activistar Film and Video Productions Collective produzierte sie «Zusammen haben wir eine Chance» (Premiere: 4. November 2018, 86 min). Der Film dokumentiert antirassistische soziale Bewegungen von Rassismusbetroffenen. 2020 erschien in Kooperation mit dem Migrationsrat Berlin der Kurzfilm «Von Anfang an», der die queere Geschichte des Migrationsrats beleuchtet.

 

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