Hanau mahnt uns – Hanau verpflichtet uns

Pressemitteilung, 18. Februar 2026 Statement des Migrationsrats Berlin e.V. zum 6. Jahrestag des rassistischen Anschlags von Hanau Am 19. Februar 2026 jährt sich der rassistische Terroranschlag von Hanau zum sechsten Mal. Am 19. Februar 2020 ermordete ein rechtsextremer Täter aus rassistischen, menschenverachtenden Motiven neun junge Menschen. Dieser Anschlag war kein isoliertes Ereignis. Er war Ausdruck…

Pressemitteilung, 18. Februar 2026

Statement des Migrationsrats Berlin e.V. zum 6. Jahrestag des rassistischen Anschlags von Hanau

Am 19. Februar 2026 jährt sich der rassistische Terroranschlag von Hanau zum sechsten Mal. Am 19. Februar 2020 ermordete ein rechtsextremer Täter aus rassistischen, menschenverachtenden Motiven neun junge Menschen. Dieser Anschlag war kein isoliertes Ereignis. Er war Ausdruck eines gesellschaftlichen Klimas, in dem rassistische Ideologien wachsen konnten, unbehelligt zirkulierten und politisch nicht konsequent bekämpft wurden.

Wir sagen ihre Namen.

Gökhan Gültekin
Ferhat Unvar
Mercedes Kierpacz
Said Nesar Hashemi
Sedat Gürbüz
Fatih Saraçoğlu
Hamza Kurtović
Kaloyan Velkov
Vili Viorel Păun

Sie wurden ermordet, weil sie in den Augen eines Rassisten nicht dazugehören sollten. Ihr Leben wurde ausgelöscht durch eine Ideologie der Ungleichwertigkeit, die Menschen nach Herkunft, vermeintlicher Kultur oder zugeschriebener Identität hierarchisiert.

Erinnern heißt Verantwortung übernehmen. Erinnerung ohne politische Konsequenzen bleibt Symbolpolitik. Sechs Jahre nach Hanau müssen wir feststellen, dass sich das gesellschaftliche Klima nicht entspannt hat. Im Gegenteil. Wir erleben einen deutlichen Rechtsruck. Rassistische und anti-migrantische Narrativen werden wieder offen vertreten. Queerfeindliche Positionen gewinnen an Raum. Rechte Gewalt nimmt zu.

Debatten über das sogenannte Stadtbild, über Leitkultur, Remigration oder nationale Identität verschieben Diskursgrenzen. Wenn Migration als Problem markiert wird und sichtbare Vielfalt als Störung beschrieben wird, dann ist das keine harmlose Wortwahl. Solche Aussagen wirken. Sie normalisieren Abwertung. Sie signalisieren, dass Zugehörigkeit verhandelbar ist. Sie entziehen Menschen mit Migrationsgeschichte symbolisch das Recht, selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft zu sein.

Gleichzeitig werden Asyl- und Migrationspolitiken weiter verschärft. Schutzsuchende werden kriminalisiert, Entrechtung wird als Sachzwang verkauft. Kommunale Unterbringung wird zum Ort struktureller Ausgrenzung. Rassistische Diskurse werden mit sicherheitspolitischen Argumenten legitimiert. Das alles geschieht in einem Kontext, in dem rechte und konservative Parteien Wahlerfolge erzielen und demokratische Kräfte sich zu oft anpassen, statt klar zu widersprechen.

Als intersektional arbeitender Dachverband wissen wir, dass rassistische Gewalt nie isoliert zu betrachten ist. Sie verschränkt sich mit Klassismus, mit Anti-Schwarzer Rassismus, mit Gadje-Rassismus, mit antimuslimischem Rassismus, mit Antisemitismus, mit Queerfeindlichkeit, mit Ableismus usw. Menschen, die mehrfach von Diskriminierung betroffen sind, tragen ein erhöhtes Risiko, von Gewalt betroffen zu sein. Wer über Hanau spricht, muss über strukturellen Rassismus sprechen. Wer über Sicherheit spricht, muss über soziale Gerechtigkeit sprechen. Wer über Demokratie spricht, muss über reale Teilhabe sprechen.

Wir erwarten von Politik mehr als ritualisierte Betroffenheitsbekundungen. Wir erwarten klare Konsequenzen. Dazu gehören eine ernsthafte und transparente Aufarbeitung staatlichen Handelns, eine nachhaltige Finanzierung antirassistischer und empowernder Strukturen, der konsequente Schutz queerer und migrantischer Communities sowie eine Abkehr von Diskursen, die Menschen gegeneinander ausspielen.

Nie wieder bedeutet nicht, am Jahrestag Blumen niederzulegen. Nie wieder bedeutet, politische Verantwortung zu übernehmen. Nie wieder bedeutet, rassistische Narrative nicht zu relativieren, auch dann nicht, wenn sie vermeintlich wahlstrategisch sinnvoll erscheinen. Nie wieder bedeutet, die Perspektiven der Betroffenen ins Zentrum zu stellen.

Hanau mahnt uns. Hanau verpflichtet uns.

Wir gedenken der Ermordeten.
Wir stehen an der Seite ihrer Familien und Freund*innen.

Und wir werden nicht aufhören, strukturellen Rassismus zu benennen und zu bekämpfen.

Kontakt für Rückfragen & Interviews:

Tuĝba Tanyılmaz
tugba.tanyilmaz[at]migrationsrat.de