Zum Anlass des Internationalen Tags gegen Homo-, Bi-, Inter-, Nicht-binären-,Trans- und Agenderfeindlichkeit (IDAHOBINTA*+) sehen wir die Notwendigkeit, daran zu erinnern, warum dieser internationale Aktionstag überhaupt entstanden ist: aus dem Widerstand gegen Gewalt, Pathologisierung, staatliche Kontrolle und gesellschaftliche Ausgrenzung rassifizierter queerer Menschen. Gerade heute, in einer Zeit zunehmenden politischen Rechtsrucks, Kürzungspolitiken, Diffamierungen, Kriminalisierungen und anderer gewaltvoller Angriffe gegen trans- und queere BIPoC Communitys – online wie offline – wird deutlich, wie notwendig dieser Kampf weiterhin ist.
ComE In wurde initiiert, um eine Förderlücke zu schließen, da intersektional gedachte und gelebte Communityarbeit in bestehenden Förderstrukturen nicht ausreichend berücksichtigt wird. Seit Projektbeginn erreichen uns Projektanträge von in besonderem Maße prekarisierten und marginalisierten Communitys, etwa postmigrantische Transmask, Transfrauen, trans nicht-binäre Gruppen, Ü-50-BIPoC LBTINQ*+ (das “S” wurde nicht vergessen) sowie queere BIPoC Deaf Communitys. Viele dieser Projekte entstehen mittelbar sowie unmittelbar aus den Folgen der Haushaltskürzungen in Berlin und dem zunehmenden politischen Druck auf queere Bildungs-, Kultur- und Sozialarbeit. Besonders betroffen sind Initiativen, die Räume für Sichtbarkeit, Austausch, Selbstbestimmung und Schutz schaffen – Räume, die für viele Menschen existenziell sind.
Diese Arbeit wird nicht in einem politischen Vakuum geführt. Während öffentlich von Vielfalt und Demokratie gesprochen wird und unsere Perspektiven in Gleichstellungsdebatten instrumentalisiert werden, erleben queere und insbesondere trans BIPoC Personen und Personen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus eine zunehmende politische und gesellschaftliche Einschüchterung.
Debatten um Abschiebungen, die immer weiter fortschreitende Aushöhlung des Asylsystems durch die Erweiterung der sicheren Herkunftsstaaten ohne Berücksichtigung u.a. queerer Lebensrealitäten in diesen Staaten, die Kriminalisierung und der Generalverdacht von BIPoC und Migrant*innen, Debatten um den Entzug von Staatsangehörigkeit, um die Rücknahme des Selbstbestimmungsgesetzes und die Forderung nach Erfassung oder Nachverfolgung von Transidentitäten sowie die permanente Infragestellung von trans-Existenzen greifen tief in die Identitätsfreiheit, Bewegungsfreiheit, Menschenwürde sowie Grundgesetze ein. Für rassifizierte und nicht den heteronormativen Denkmustern entsprechende Menschen bedeutet das ein Klima ständiger Unsicherheit: die Angst vor zunehmender Angreifbarkeit, vor staatlicher Kontrolle und Gewalt, gesellschaftlicher Hetze und vor dem Verlust grundlegender Rechte.
Während queerfeindliche und rassistische Gewalt, Diskriminierung und politische Angriffe zunehmen, werden genau die Räume geschwächt, die dem etwas entgegensetzen: Bildungs-, Kultur- und Präventionsprojekte werden gekürzt, obwohl genau diese Arbeit nachweislich Gewalt reduziert, Diskriminierung abbaut und Schutzräume schafft. Wenn Community-Strukturen finanziell ausgehöhlt werden, ist das kein neutraler Sparzwang. Es ist eine politische Entscheidung darüber, welche Erfahrungen und Leben als schützenswert gelten und Anerkennung “verdienen”.
Die Realität ist: Queere, trans und intersektional marginalisierte Menschen kämpfen längst nicht mehr um Sichtbarkeit und Teilhabe, sondern um Sicherheit, Würde und gesellschaftliches Überleben.
Die aktuellen Entwicklungen machen deutlich, dass es nicht nur einzelne Projekte sind, die unter Druck geraten, sondern strukturelle Denk-, Bewertungs- und Förderlogiken sowie Entscheidungsstrukturen sichtbar werden, die systematisch Ausschlüsse (re-)produzieren. Es braucht eine (macht-)kritische Auseinandersetzung mit einer Förderlandschaft, die auf Effizienz getrimmt ist, von politischem Wohlwollen abhängt und als Wahlkampfthema instrumentalisiert wird.
Der IDAHOBINTA*+ darf nicht bei symbolischen Regenbogenbekundungen stehen bleiben. Die Forderung aus unseren Communitys ist nicht neu, aber immer noch dringend: Wer ernsthaft gegen Diskriminierung, Queerfeindlichkeit und Rassismus kämpfen will, muss Zugänge sowie Orte für Schutz, Empowerment, Sichtbarkeit und politische Auseinandersetzung auch materiell absichern und Stabilität durch Kontinuität gewährleisten. Symbolische Solidarität reicht nicht. Wir brauchen eine strukturelle Förderlandschaft, die queeres Leben nicht nur applaudiert, sondern es ermöglicht.
