Montag, der 10. Februar 2020

Werkstatt der Kulturen erneut auf “unsicherem Fundament”

Mit Bestürzung nehmen wir zur Kenntnis: Der von der Senatsverwaltung für Kultur ernannte Träger für die Werkstatt der Kulturen ist scheinbar schon im ersten Monat seiner Arbeit auseinandergebrochen. In einem an mehrere Organisationen verschickten Mitteilungsschreiben wird der Ausstieg zweier Gesellschafter_innen des neuen Trägers UG Kultur Neu Denken sowie der künstlerischen Leitung angekündigt. Wir erwarten sowohl von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa als auch vom neuen Träger eine offizielle Stellungnahme zu diesem Sachverhalt. Sollte sich die Trennung der UG Kultur Neu Denken bestätigen, stünde die Arbeit der Werkstatt der Kulturen auf einem völlig unsicheren Fundament.

Schon am 21. Juni 2019 hatten wir in einem Offen Brief das Verfahren, mit dem die Senatsverwaltung für Kultur und Europa eine neue Leitung finden wollte, kritisiert. Annähernd 300 Kulturschaffenden und Selbstorganisationen von Migrant_innen, Schwarzen Menschen und People of Color haben uns dabei unterstützt. Die darin geäußerten Befürchtungen bestätigen sich leider durch die drohende Trennung und die Frage steht im Raum:

Wie geht es mit der Werkstatt der Kulturen/dem Kulturstandort Brauerei Wissmannstraße weiter?

Der Versuch, die reiche Geschichte der Werkstatt der Kulturen, ihr verbundener Communities und die Zukunftsperspektive des Hauses mit einer klangvollen Ausschreibung und vielen Schlagworten zu überschreiben, ist ein Fehler. Richtig wäre die Schaffung von geeigneten Strukturen und echten Einflussmöglichkeiten für Migrant_innen-Selbstorganisationen (MSOs) und zivilgesellschaftlichen Organisationen von Schwarzen Menschen  und People of Color. Die aktuelle Situation verdeutlicht, dass der Senat nicht erfolgreich allein darüber entscheiden kann und sollte, wer die Werkstatt der Kulturen leitet und was darin geschieht. Vielmehr wurzelt jede lebendige Kultureinrichtung in einer Unterstützer_innen-Szene, die bei diesen Fragen entscheidend gehört werden muss.

Wir sind zum einen sicher, dass die Werkstatt nur mit einer dauerhaften, also institutionellen Förderung im Sinne des Berliner Haushaltsrechts, stabil und produktiv Kultur machen kann. Wir fordern zum anderen eine Leitung der Werkstatt durch Schwarze Menschen und People of Color. Diese Forderung ist nach der Absetzung von Philippa Ebéné als bisher einziger Schwarzer Leitung einer Berliner Kultureinrichtung wichtiger denn je. Denn fast alle Berliner Kulturinstitutionen werden von weißen Deutschen geleitet, in aller Regel von Cis-Männern. Wir fordern ein Gegengewicht mit Schwarzer und migrantischer Perspektive auf Kultur, Berlin und Deutschland.

Es ist nun offensichtlich, dass der bisherige Prozess der Neuaufstellung der Werkstatt der Kulturen zum Scheitern verurteilt war. Jetzt ist es an der Zeit, die Gründe zu analysieren und für die Zukunft einen Umgang mit dem Haus und der migrantischen Geschichte am und mit dem Ort zu finden, der ihrer Bedeutung für Berliner Migrant_innen-Communitys, Schwarze Communitys und Communitys of Color gerecht wird. Als ersten Schritt muss der Senat die Gründungsgeschichte der Werkstatt der Kulturen kennenlernen, sichtbar machen und als stolze Errungenschaft anerkennen.

Trang Thu Tran, Vorstand beim Migrationsrat Berlin: “Wir stehen als Migrationsrat weiterhin bereit, die Expertisen marginalisierter Communitys und Expert_innen migrantisch-diasporischer und postkolonialer Kulturproduktion einzubringen. Es muss darum gehen, eine langfristig gesicherte transkulturelle Kulturinstitution zu schaffen, die dauerhaft ausfinanziert ist und Programme nicht durch Drittmittelakquise realisieren muss. Es geht also um nichts weniger als die Rückendeckung der zuständigen Senatsverwaltung.

Wir fordern eine öffentliche Positionierung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa zum aktuellen Betriebsstand der ehemaligen Werkstatt der Kulturen. Weiterhin fordern wir eine transparente Darlegung, wie, mit wem und mit welchen Mitteln die Werkstatt ihre Ziele in den nächsten fünf Jahren erreichen soll.”