8. März 2021

„Mit den Folgen der Isolation werden wir noch lange zu kämpfen haben…“

Sasha Kolotev im Gespräch mit Sema Turhan Çetin vom Interkulturellen Frauenhaus

Schon zu Beginn der Pandemie und des ersten Lockdowns wurde vermutet, dass Fälle häuslicher Gewalt zunehmen würden. Könnt ihr als Interkulturelle Initiative das bestätigen, nach nun einem Jahr Lockdown? Welche Entwicklungen beobachtet ihr?

Die Befürchtung war ja tatsächlich beim ersten Lockdown, dass der große Ansturm parallel dazu laufen würde und dass Frauen die Frauenhäuser während des Lockdowns einrennen würden. Vorbeugend wurden Hotels angemietet, weil bereits davon ausgegangen wurde, dass ein Ansturm kommen wird. Die Frauenhäuser sind alle voll, auch die angemieteten Hotels waren zwischenzeitlich komplett belegt. Die Häuser sind auch unabhängig von der Pandemie immer voll ausgelastet, der erwartete große Ansturm kam dann aber tatsächlich erst nach der ersten Lockerung, im Sommer also. Die Annahme, dass Frauen durch den Lockdown kaum freie Zugänge zu Hilfesystemen haben würden oder keine Möglichkeiten hätten, sich Hilfe zu holen, hat sich definitiv bestätigt.

Dadurch, dass während des Lockdowns viele Männer aufgrund von plötzlicher Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit oder im Home Office zu Hause waren und auch die Kinder zu Hause beschult und beschäftigt werden mussten, gab es für viele Frauen nur noch wenige Möglichkeiten, aus gewaltvollen häuslichen Situationen herauszukommen. Der Gang zur Kita oder zur Sprachschule, der oft die einzige Möglichkeit dargestellt hat, um nach Hilfe zu suchen, ist weggefallen. Demnach ist ganz logisch, dass der Ansturm in den Frauenhäusern und Beratungsstellen nach den ersten Lockerungen deutlich größer wurde, da viele Frauen in der häuslichen Situation nur heimlich die Möglichkeit hatten, durch Anrufe Hilfe zu suchen. Um mehr Informationen bezüglich möglicher Hilfeangebote zugänglich zu machen, wurden beispielsweise in Kaufhäusern und Supermärkten Kontaktadressen und Telefonnummern ausgehängt, da das Einkaufen für viele der einzige Gang in die Außenwelt bedeutet hat.

Wie wurde in den letzten Monaten mit dem Thema häusliche Gewalt medial und gesellschaftlich umgegangen? Würdet ihr sagen, dass ein problembewusster Umgang zu spüren war?

Wir haben schon das Gefühl, dass durch diese Pandemie das Thema häusliche Gewalt in der Öffentlichkeit an Aufmerksamkeit gewonnen hat. Schon bei der Verkündung des ersten Lockdowns wurde das Thema auch auf politischer Ebene stärker zum Ausdruck gebracht. Die Anmietung von Hotels als Zufluchtsmöglichkeit war ein positives Ergebnis dieser Zeit.

Ob generell von einem solidarischen Umgang gesprochen werden kann, kann ich nicht wirklich sagen. Ob es beispielsweise vermehrt Hilfe in der Nachbarschaft gegeben hat, ist schwer zu sagen. Das ist vermutlich recht individuell. Was sich jedoch klar feststellen lässt, ist die enorme psychische Auswirkung, die durch die Schließung vieler Einrichtungen und weiterer Orte der Begegnung entstanden ist. Soziale Kontakte fehlen den Frauen enorm, sowohl in ihrem häuslichen Umfeld als auch im Frauenhaus.

Welche konkreten Herausforderungen sind durch die Schließung von Schulen und Freizeiteinrichtungen für eure Klient_innen und für euch Mitarbeitende in der Arbeit entstanden?

Für Frauen mit Kindern ist Home-Schooling zu einer enormen Herausforderung geworden, und auch generell stellt der Umgang mit technischen Gegebenheiten für viele eine große Überforderung dar. Selbst ein Jahr nach dem ersten Lockdown ist auch heute noch zu beobachten, wie unterschiedlich engagiert Schulen mit der Situation umgehen und wie ungleich Ressourcen zur Verfügung stehen. Der direkte Kontakt zwischen Lehrenden und Schüler_innen fällt weg, wodurch noch mehr Unterstützung von der eigenen Familie erforderlich wird. Die meisten Mütter, die in Frauenhäusern untergebracht sind, können ihren Kindern allerdings aufgrund ihrer eigenen Belastung, auch unabhängig von der Pandemie, oft nicht ausreichend schulische Unterstützung bieten. Die Lücken, die bei den Kindern dadurch entstehen, sind oft wahnsinnig groß.

Wir sind darum bemüht, die Kinder in der Unterbringung zu unterstützen, so gut es geht, und einen engen Kontakt mit den Lehrenden zu halten. Über die Schule und über das Frauenhaus konnte zum Teil eine extra Nachhilfe für Kinder installiert werden. Allerdings ist es generell schwierig, überhaupt an Hilfsmittel heranzukommen. Für viele Kinder war es anfangs überhaupt nicht gegeben, online am Unterricht teilnehmen zu können, wodurch zum Teil gar keine Kontakte mehr mit Mitschüler_innen möglich waren. Ich will gar nicht wissen, wie viele Kinder da immer noch verloren sind.

Für Kinder im Kita-Alter, die mit ihren Müttern im Frauenhaus untergebracht sind, ist die Gesamtsituation oft besonders belastend. Die Mütter sind, aufgrund ihrer extremen Belastung, mit der neuen Lebenssituation und den damit einhergehenden Herausforderungen oft so intensiv beschäftigt, dass die Kinder einfach „mitlaufen“. Die Bedürfnisse der Kinder können kaum mitgetragen werden. Und dann muss auch noch der Betreuungsbedarf durch die Kita-Schließungen mit abgedeckt werden. Dabei ist in solchen Krisensituationen gerade für Kinder besonders wichtig, dass der Alltag so strukturiert und normal wie möglich bleiben kann. Die Unterbringung in der Kita und die tägliche Präsenz in der Schule sorgen im Normalfall dafür, dass die Mutter auch mal ausatmen kann und Zeit für sich hat – und dass die Kinder unter ihren Freund_innen auch mal eine andere Stimmung erleben. Leider ist das derzeit für die meisten untergebrachten Frauen und ihre Kinder noch immer nicht möglich.

Anfangs haben wir auch in den Häusern versucht, alle Gruppenaktivitäten umzugestalten, um den persönlichen Kontakt zu verringern. Natürlich war das für uns alle eine extreme Herausforderung. Wie geht das in der Pandemie? Anfangs war, aufgrund der schwer einzuschätzenden Situation, die Angst vor einer Ansteckung in der Gemeinschaftseinrichtung sehr groß. Dem waren die Frauen und ihre Kinder extrem unterlegen. Die Menschen wohnen hier, je nach Größe der Familie, auf engstem Raum zusammen, nahezu alle Orte der Begegnung sind geschlossen, es gibt kaum Abwechslungsmöglichkeiten.

Wir haben in den Frauenhäusern immer versucht, den Blick und den Kontakt mit den Kindern direkt zu halten, um einschätzen zu können, wie es ihnen geht und was sie aktuell beschäftigt. Mittlerweile versuchen die Häuser einmal pro Woche zu testen, um soziale Aktivitäten innerhalb der Einrichtungen ermöglichen zu können.

Ich gehe stark davon aus, dass wir mit den Folgen der Isolation nach lange zu kämpfen haben werden und dass sie besondere Auswirkungen auf Schul- und Kitakinder haben wird. Schon jetzt zeigt sich deutlich, dass Angstzustände, Panikattacken und weitere psychische Belastungen zugenommen haben.

Dann kommt hinzu, dass der ganze bürokratische Apparat anfangs weitestgehend lahmgelegt war. Dadurch, dass auch die Behörden im Home-Office tätig waren, kam es zu langen Verzögerungen und weiteren Hürden. Viele Anträge konnten kaum erledigt werden oder blieben lange liegen. Außerdem wurde plötzlich vieles nur noch digital nutzbar, was nicht nur, aber vor allem auch für Frauen, die kein Deutsch sprechen, besondere Barrieren darstellt.

Auch für Frauen, die aus den Frauenhäusern ausziehen, entstehen ganz neue Gegebenheiten und neue Probleme, die sie nicht ohne weiteres bewältigen können und für die sie besondere Nachbetreuung benötigen. Sie landen nicht selten immer wieder bei den Frauenhäusern und werden von dort aus zu Beratungsstellen vermittelt.

Reicht die Infrastruktur an Beratungsstellen, Frauenhäusern und Zufluchtswohnungen in Berlin denn jetzt aus?

Wir haben seit Jahren mehr Frauenhausplätze gefordert, weil die Häuser immer voll belegt sind. Jetzt wurde überdeutlich, dass wir schnell Notplätze schaffen können müssen und dass jede Frau einen Platz bekommen muss. In letzter Zeit sind neue Häuser entstanden. Das Positive ist, dass wir gut miteinander vernetzt sind, auch mit den Anti-Gewalt-Projekten. Durch den guten Austausch können wir immer wieder gemeinsam gucken, wo gerade die Bedürfnisse sind. Berlin ist eine wachsende Stadt, viele kommen auch von auswärts. An ausreichend Frauenplätzen fehlt es also trotzdem noch.

Sema Turhan Çetin ist koordinierende Sozialarbeiterin im Interkulturellen Frauenhaus. Der Trägerverein, die Interkulturelle Initiative, ist Mitglied im Migrationsrat Berlin.

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