Montag, der 16. März 2020

“Wenn Menschen in Gewahrsam sterben, ist das Mord.”

Die geplante Demonstration zum Internationalen Tag gegen Polizeigewalt am 15.03. musste ausfallen im Rahmen von Maßnahmung zur Eindämmung des Corona-Virus. Wir begrüßen und unterstützen das solidarische Verhalten aller Menschen ausdrücklich, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Gleichzeitig und ergänzend ist es uns wichtig, Protest im öffentlichen Raum – sei es auf der Straße oder virtuell – stattfinden zu lassen. Gerade nach den rassistischen Morden in Hanau verspüren wir das große Bedürfnis nach viel mehr Sichtbarkeit für die Auswirkungen von vor allem institutionellem Rassismus in Polizei und anderen Behörden, für unsere Forderungen an diese Taten hinnehmende weiße deutsche Dominanzgesellschaft und Politik und mehr Sichtbarkeit für die Geschichten der Opfer von rassistischer (Polizei)gewalt. Aus diesem Grund veröffentlichen wir hier unseren gemeinsamen Redebeitrag aus der Kampagne “Death in Custody”.

Als Schwarze Communitys, Communitys of Color und antirassistische Organisationen haben wir uns heute aus zwei Gründen versammelt. Zum einen um zu trauern. Wir trauern um all die Menschen, die in Gewahrsam ermordet wurden. Egal, ob der Tod als Unfall oder Suizid bezeichnet wird. Wenn Menschen in Gewahrsam sterben, ist das Mord.

Wir haben uns aber auch versammelt, um unsere Fassungslosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Gerade vor dem Hintergrund des Schreckens, den das rassistische Massaker in Hanau in unseren Communitys ausgelöst hat, heißt es für uns, noch stärker zusammenzuhalten, aufeinander aufzupassen, sich unter Geschwistern zu vergewissern: Du bist nicht allein. Wenn eine*r von uns Gefahr läuft, diskriminiert, beleidigt, angegriffen, oder eben getötet zu werden, bin ich dein Zuhause. Wir werden dafür sorgen, dass das nicht mehr passiert; dass es Orte gibt, an denen Du Zuflucht bekommst und zu Dir kommen kannst. An denen Du erzählen kannst, ohne in Frage gestellt zu werden, heilen kannst – und an denen wir uns gemeinsam überlegen, was du brauchst und was ich brauche, was zu tun ist.

Touch one – touch all.

Deutschland macht uns Angst. Und unsere Angst hat einen realen Hintergrund. All die alltäglichen, oft verharmlosten rassistischen Beleidigungen, Abwertungen, Ausschlüsse finden nämlich in ihrer Eskalation eine haarsträubende Gestalt: Mord und Totschlag, der in großen Teilen von den weißen dominanzgesellschaftlichen Institutionen gedeckt, wo nicht offen unterstützt wird. Angst vor Rassismus ist die Angst, getötet zu werden, eine Angst, dass bald wieder Geschwister sterben werden.

Das ist es, was uns fassungslos macht.

Fassungslos machen uns die in einem Rechtsstaat möglichen rassistischen Praktiken der Polizei, Schwarze und People of Color zu überwachen, zu kriminalisieren und ihre Rechte auf körperliche Unversehrtheit, Bewegungsfreiheit und Gleichberechtigung systematisch zu missachten. Wir sprechen hier über elementare Menschenrechte. Wir sprechen hier über elementare Grundrechte.

Wir sind hier, um der Menschen zu gedenken, die durch Polizei, Securities und anderes Gewahrsamspersonal zu Tode kamen.

Als Death in Custody haben wir ihre Namen zusammengebracht: Hussam Fadl, Amad Ahmad, Matiullah Jabarkhil, Rooble Warsame, William Tonou-Mbobda, Aman A., Adel B., Oury Jalloh und sehr viele mehr.
Ihre Geschichten machen uns immer wieder fassungslos, aber nicht sprachlos. Wir werden diese Verbrechen umso entschiedener sichtbar machen, ohne uns von der ach so demokratischen Politik und Justiz abwimmeln zu lassen. Wir sind hier, um uns erinnern und die Familien und Freund*innen der Ermordeten wissen zu lassen, dass sie nicht allein sind und niemals allein sein werden.

Touch one – touch all!

Gemeinsamer Beitrag von:
Each One Teach One (EOTO) e.V., Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. Migrationsrat Berlin e.V.